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Raphael Woebs:

Die Politische Theorie in der Neuen Musik. Karl Amadeus Hartmann und Hannah Arendt


Wilhelm Fink Verlag, München 2010

161 Seiten

ISBN: 978-3-7705-4936-8


     

 

Der Begriff des „Politischen“ scheint in der sogenannten „Postmoderne“ endgültig sämtlicher aristotelischen Ursprünge verlustig und pejorativ auf ein niedrigstes Niveau einer vornehmlich negativ besetzen „Parteien-“ respektive „Tagespolitik“ reduziert. Die massenmediale Omnipräsenz zeitigt – im Anschluß an das Verständnis von „Öffentlichkeit“ als ästhetischer Kategorie – jenes flagrante Paradoxon, „das Öffentliche zu privatisieren und das Private zum Gegenstand der öffentlichen Sorge zu machen“ (Arendt). Zum einen begibt man sich gleichsam „nach Hause“, um mittlerweile gar via Satellit zu verfolgen, was auf der „globalen Agora“ vor sich geht, zum anderen zeigt sich der totale Ausverkauf des Privaten in den Massenmedien heutzutage allgegenwärtig – die „abgezogene Haut“ des Marsyas wird Stück um Stück „zu Markte“ getragen.

Demgegenüber steht das auf eine handlungsorientierte Öffentlichkeit abzielende Politikverständnis bei Hannah Arendt, die – an aristotelische Traditionen anknüpfend – den Begriff der Freiheit (zu handeln) ausschließlich im politischen Bereich lokalisiert, entsprechend also das Handeln in Freiheit als „politische Fähigkeit par excellence“ nobilitiert und damit in ihren politischen Schriften zugleich komplementär eine ästhetische Theorie der „Inneren Emigration“ mitdenkt:

So bemühte sich der Komponist der Inneren Emigration Karl Amadeus Hartmann zum einen unmittelbar nach Kriegsende im Rahmen der von ihm initiierten und bis heute beispielgebenden Konzertreihe „Musica viva“ erfolgreich um eine größtmögliche Öffentlichkeit für während der NS-Zeit als „entartet“ verfemte Werke und Komponisten. Zum anderen charakterisieren insbesondere die zwischen 1933 und 1945 – also der Zeit des künstlerisch-politischen „Schweigens“ im Sinne Sartres – komponierten Werke Hartmanns seinen unbändigen und vor allem ununterbrochenen Drang hin zur „Agora“.

In seinem letzten Werk Gesangsszene (1963) entwirft der Komponist schließlich das gespenstisch-groteske Szenario einer postmodernen Zivilisation zwischen technologischer Natur-Beherrschung und futuristischer Natur-Entfremdung. Zugleich erscheint hier jedoch – dem Arendtschen Politikverständnis folgend – die Utopie eines „handelnden Individuums“, welches seine „Stimme“ dem massenmedial depravierten „Gesang der Sirenen“ entgegenrichtet.

 

"Woebs' Ausführungen sind durchweg schlüssig und vermitteln einen profunden Eindruck in Leben und Werk Karl Amadeus Hartmanns, ohne den politischen und kulturellen Kontext aus dem Blick zu verlieren. Der Anspruch, den prozesshaften Handlungsbegriff Arendts (...) und Hartmanns Ästhetik miteinander in Beziehung zu bringen, ist unmittelbar einleuchtend".

Nina Noeske, "Die Musikforschung" 2012/4