boettner k  

Zum Tode von Bernhard Böttner (1924-2013)

 

 

 

Am 12. August 2013 verstarb der Konzertpianist und Klavierpädagoge Prof. Bernhard Böttner im Alter von 89 Jahren in Sommerhausen/Mainfranken.

Auf besonderen Wunsch der Familie des Verstorbenen nahm der Musikhistoriker Dr. Raphael Woebs (gem. Leiter des musik- und kulturwiss. ‚Institut Denkunternehmung’) im Rahmen der Trauerfeierlichkeiten eine Würdigung v.a. der beruflichen Lebensleistung seines Lehrers und Mentors vor.

Dieser Nachruf wurde für die folgende Drucklegung geringfügig eingerichtet, dabei wurde der Redecharakter sowie der persönliche Sprachduktus des Textes weitgehend beibehalten:

 

         



 

Bernhard Böttner durfte im Jahr 2005 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausdrücklich für sein Gesamt-Lebenswerk entgegen nehmen.
– Und wenn man sich einmal die Basisdaten dieses Lebenswerks eines sehr bewegten künstlerischen und pädagogischen Arbeitslebens vor Augen führt, so lassen sich insbesondere vier Aspekte seines beruflichen Wirkens herausarbeiten:

 

 

Zuallererst wäre hier natürlich sein künstlerisches Wirken als Konzertpianist zu nennen:

 

Da Böttner allerdings beim legendären Hermann Abendroth auch zum Dirigenten ausgebildet worden war, hatte er – nach Kriegsdienst und anschließender Kriegsgefangenschaft – zunächst einige Engagements als Kapellmeister u.a. in Weimar, Erfurt und Meiningen wahrgenommen.

Doch nach seinem aufsehenerregenden Pianistendébut mit der Dresdner Staatskapelle unter dem Dirigat von Joseph Keilberth entschied sich Böttner 1947 für eine pianistische Laufbahn. Die prägende Ausbildung hierfür hatte er in den Jahren 1938 bis ’42 bei Günter Raphael erhalten, und sein besonderer Einsatz galt stets den Werken von im Dritten Reich verfemten Komponisten sowie der zeitgenössischen Musik.

 

Es folgten zahlreiche Auftritte als Solist der Berliner Philharmoniker, der Münchner Philharmoniker, des Gewandhausorchesters Leipzig, sowie fast aller deutscher Staats- und Rundfunk-Sinfonieorchester. Viele Tourneen führten ihn quer durch Europa bis in die Türkei, und er unternahm zahlreiche Konzertreisen in die damalige UdSSR. Damit trug er gerade in der schwierigen politischen Zeit des sog. „Kalten Kriegs“ sehr viel Bedeutendes zum europäischen Ost-/West-Kulturaustausch bei.

In den Jahren 1973 bis ’75 war Bernhard Böttner notabene auch bei der Ausgestaltung des Kulturabkommens zwischen der damaligen BRD und der Sowjetunion politisch beratend tätig. Dieses besondere kulturpolitische Engagement hat ihn sein gesamtes Leben lang beschäftigt und begleitet.

 

Es bleiben uns aus seiner Zeit künstlerisch-pianistischen Wirkens zahlreiche Tonträgereinspielungen erhalten, d.h. in erster Linie Schallplattenaufnahmen – mittlerweile haben wir an unserem Institut CDs davon erstellt – sowie viele Rundfunk- und später dann auch TV-Aufzeichnungen insbesondere durch das Bayerische Fernsehen.

 

In diesem Zusammenhang gibt es eine kleine Anekdote zu berichten: Als Bernhard zusammen mit seiner Frau Lili – einer promovierten Politologin griechischer Herkunft – vor 50 Jahren hierher nach Sommerhausen zog, musste sein aus Berlin mitgebrachter Konzertflügel aus Platzgründen mit einem Kran durch ein Fenster im ersten Stock des Ochsenfurter Torturms gehievt werden. Von dieser spektakulären Aktion wusste dann nicht nur die Tagespresse mit ausführlichem Bildmaterial zu berichten.

 

 

Mit dem Umzug nach Sommerhausen bildete sich nun der zweite Aspekt im beruflichen Wirken Bernhard Böttners heraus – namentlich seine Tätigkeit und sein kulturelles Engagement als Festivalleiter:

 

Im Jahr 1964 rief Böttner das internationale Musikfest Sommerhausen Recital ins Leben. Die Grundidee dieses „non profit“ Festivals war es, das kulturelle Musikleben von Weltgeltung aus den Großstädten heraus auch in die ländlichen Bereiche der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu tragen – eine kulturpolitische Idee, mit der Bernhard seiner Zeit eigentlich weit voraus war: wenn man bspw. nur einmal an das heutige Schleswig-Holstein Musik Festival denkt, wo nachgerade sogar in Scheunen auf höchstem künstlerischen Niveau und mit namhaften Künstlerpersönlichkeiten musiziert wird.

Das Sommerhausen Recital wurde dann 1974 unter dem Namen Deutsches Solistenfest nach Marktbreit verlegt und Böttner gelang es, für seine Idee schon damals Künstler von Weltruf zu gewinnen, welche z.T. auch schirmherrschaftliche Aufgaben übernahmen: – genannt seien hier u.a. Persönlichkeiten wie Henryk Szeryng, Emil Gilels, Pierre Fournier und nicht zuletzt Maurizio Pollini.

 

Trotz all dieser Bemühungen musste die Festivalreihe dann im Jahr 1980 nach fast 20 Jahren eingestellt werden, weil es schlichtweg an finanzieller wie kulturpolitischer Unterstützung fehlte.

– Wenn ich eben davon sprach, dass Böttner seiner Zeit weit voraus war, dann muss man in diesem Fall wohl auch sagen: Er war (so paradox es auch klingen mag) leider seiner Zeit voraus. Denn in heutigen Zeiten des sog. „Kultursponsorings“ – ein Begriff, den Bernhard eigentlich überhaupt nicht schätzte –, in denen Festvalreihen landauf-landab geradezu wie Pilze aus dem Boden schießen, gäbe es sicherlich eine ganz andere Bereitschaft, ein derartiges „kulturelles Kleinod“ (Zitat: Der Spiegel) wie das Recital zu unterstützen.

 

 

Eines der Hauptanliegen des Recitals war vor allem auch die Förderung des künstlerischen Nachwuchses. Dies ist für Böttner Zeit seines Lebens immer von allergrößter Bedeutung gewesen und er konnte sich diesem Anliegen insbesondere in seiner Zeit als Lehrer und Pädagoge nachhaltig widmen – dem nunmehr dritten Aspekt seiner beruflichen Laufbahn:

 

1969 wurde Bernhard Böttner zum Professor für Klavier und schließlich zum Leiter des Musiklehrerseminars, am Nürnberger Meistersinger Konservatorium berufen. Er bekleidete diese Ämter bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1989 und richtete während dieser Zeit die Fächer Musikphysiologie und Methodologie der Klaviertechnik neu ein.

 

Als anerkannter Stilistik-Experte publizierte er zahlreiche Artikel für die Fach- und Tagespresse, nahm an wissenschaftlichen Podiumsdiskussionen teil und setzte sich dabei insbesondere mit Fragen moderner Kompositionstechnik sowie deren klavierspezifischer Interpretation auseinander.

Aus dieser Arbeit heraus entwickelte und veröffentlichte Böttner sein pädagogisches Haupt-Lehrwerk mit dem Titel Die pianistische Universaltechnik, in dem er sich erstmalig auch aus medizinisch-physiologischer Sicht mit dem Spiel- und Bewegungsapparat des Instrumentalisten befasste.

 

Böttner war nämlich aufgefallen, dass durch eine sog. „Genie-Pädagogik“ nur allzu viele physische Spielschäden bei den Studenten hervorgerufen wurden.

Vielleicht zur Erklärung: Die sog. „Genie-Pädagogen“ suggerieren ihren Schülern auf gleichsam „metaphorische“ Weise vermeintlich künstlerische Spielabläufe – z.B.: „Stell Dir einen Sonnenaufgang vor“ oder „Spiel das etwas mehr lila“(Liszt) –, erklären ihren Schülern jedoch nicht, wie sie diese auch technisch, d.h. mit ihrem körperlichen Bewegungsapparat, bewerkstelligen sollen. Warum? – Bernhard hatte diesbezüglich den dringenden Verdacht: Weil sie es eigentlich selbst nicht wissen...

Gegen diese „Genie-Pädagogik“, die methodologisch alles im Diffusen lässt, hat Böttner sich stets verwahrt – und die Pointe ist, dass er für ebendieses Lehrwerk Die pianistische Universaltechnik dann auch einen wissenschaftlichen Medizinerpreis erhielt. Da war die Medizin der Pädagogik wohl „ausnahmsweise“ einmal einen grundsätzlichen Schritt voraus.

 

Nicht zuletzt der weltberühmte Pianist Alfred Brendel fand überaus lobende Worte für das Lehrbuch und schrieb, er habe durch dieses Buch erst verstanden, was er eigentlich auch in physiologischer Hinsicht leiste, wenn er Klavier spiele – höchstwahrscheinlich ist Brendel auch von „Genie-Pädagogen“ ausgebildet worden...

 

 

Somit sind wir auch schon beim vierten Aspekt der beruflichen Lebensleistung Bernhard Böttners angelangt – seiner wissenschaftlichen Tätigkeit:

 

Denn er hat uns noch eine weitere bedeutende wissenschaftliche Veröffentlichung hinterlassen, namentlich seine Große Genealogie der Pianistik. Es handelt sich hierbei um einen internationalen Stammbaum der Lehrer-Schüler-Beziehungen in über 400 Jahren Klaviermusikgeschichte; und bis zum Jahr 1997 hatte Böttner es geschafft, geradezu unglaubliche 1047(!) Namen in eine Lehrer-Schüler-Abfolge mit ihren gesamten historischen Querverbindungen einzuordnen – eine wahrhaft herausragende wissenschaftliche Leistung.

 

An dieser Stelle wäre eine zweite Anekdote zu erzählen: Ich hatte Bernhard einmal im Rahmen meiner eigenen musikologischen Recherchen (und völlig unabhängig von seiner Genealogie) die historisch belegbare Tatsache nachgewiesen, dass es sich bei ihm um einen Beethoven-Schüler in der achten Generation handelt – doch er weigerte sich stets standhaft, mit diesem gesicherten Wissen bei einer breiteren Öffentlichkeit hausieren zu gehen...

 

 

Ich habe nun über Bernhard Böttner als Musiker (Dirigent und Konzertpianist), als Festivalleiter, als Pädagoge sowie als Wissenschaftler bzw. Wissenschaftsautor gesprochen – für ebendiese Gesamt-Lebensleistung wurde ihm, wie eingangs erwähnt, die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland zuteil.

 

Abschließend kann wohl konstatiert werden, dass der alte philosophische Menschheitstraum von der „Unsterblichkeit des Individuums“ – welcher gerade bei vielen Künstlern immerwährend aufscheint – für Bernhard Böttner in zweierlei Weise zur Geltung gelangt:

Denn Bernhard wird nicht nur in unseren Herzen weiterleben, sondern insbesondere auch durch sein Maßstäbe setzendes berufliches Lebenswerk für Kunst und Kultur – und ich weiß aus den vielen persönlichen Gesprächen, dass ihm Letzteres immer das Wichtigste im Leben war.

 

Seine Schüler, Freunde und wohlgesonnenen Kollegen werden in ihren heutigen und zukünftigen Funktionen als Musiker, Lehrer, Wissenschaftler etc. Böttners kulturelles Vermächtnis auch weiterhin an die nachfolgenden Generationen weiterreichen – gerade weil für ihn die Förderung junger Menschen Zeit seines Lebens eine Herzensangelegenheit gewesen ist.

 

Und wenn Sie mir noch ein persönliches Schlusswort gestatten: – Bernhard Böttner war ein großer Künstler – er war ein großer Pädagoge – aber er war vor allem: ein großartiger Mensch.

 

Danke, lieber Bernhard, für Deine wundervolle Freundschaft.

 

 

Sommerhausen, im August 2013                                                                            

 

Dr. Raphael Woebs